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Vorlage - 142/2026  

 
 
Betreff: Modellprojekt "Diploma of Basic Studies - Business Management":
Sachstandsbericht zur Einführung des ausbildungsbegleitenden
Zertifikatsprogramms in Kooperation mit der Hochschule Aalen, den
Beruflichen Schulen des Ostalbkreises und der Handwerkskammer Ulm
Status:öffentlich  
Federführend:Geschäftsbereich Bildung und Kultur   
Beratungsfolge:
Ausschuss für Finanzen, Bildung und Digitalisierung Kenntnisnahme
13.10.2026 
Sitzung des Ausschusses für Finanzen, Bildung und Digitalisierung      
Anlagen:
Präsentationsunterlagen der Graduate Campus Hochschule Aalen

Antrag der Verwaltung

 

Der Ausschuss für Finanzen, Bildung und Digitalisierung nimmt den Sachstandsbericht zur erfolgreichen Einführung des innovativen, ausbildungsbegleitenden Zertifikatsprogramms „Diploma of Basic Studies – Business Management“ zustimmend zur Kenntnis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Sachverhalt/Begründung

 

1. Ausgangslage und strategische Zielsetzung des Vorhabens

 

Die Sicherung von qualifizierten Fach- und Führungskräften im regionalen Handwerk sowie in technisch-gewerblichen Betrieben stellt eine der zentralen Herausforderungen für die Zukunftsfähigkeit des Ostalbkreises dar. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und einer anhaltend hohen Studierneigung unter Abiturienten gerät die klassische duale Berufsausbildung zunehmend unter Wettbewerbsdruck. Gleichzeitig stehen zahlreiche familiengeführte Handwerks- und Industriebetriebe in der Region vor der dringenden Aufgabe einer geordneten, kompetenten Unternehmensnachfolge.

 

Um dieser Entwicklung aktiv zu begegnen, wurde in enger Kooperation zwischen dem Landratsamt Ostalbkreis, der Hochschule Aalen (Graduate Campus), den gewerblich-technischen Schulen des Ostalbkreises (Technische Schule Aalen, Gewerbliche Schule Schwäbisch Gmünd, techma Ellwangen) und der Handwerkskammer Ulm ein wegweisendes Bildungsmodell entwickelt: das ausbildungsbegleitende Weiterbildungsprogramm „Diploma of Basic Studies – Business Management“.

 

Kooperations- und Ablaufstruktur des Bildungsmodells:

 

  • LANDRATSAMT OSTALBKREIS
    (Koordination, strategische Steuerung & Schulträgerschaft)
    │
    ▼
  • BERUFLICHE SCHULEN IM KREIS
    (Technische Schule Aalen | Gewerbliche Schule Schwäbisch Gmünd | techma Ellwangen)
    → Vermittlung des schulischen Zusatzunterrichts zum Lückenschluss
    │
    ▼
  • GRADUATE CAMPUS HOCHSCHULE AALEN
    (Wissenschaftliche Durchführung des Zertifikatsprogramms im Umfang von 30 ECTS)
    │
    ▼
  • HANDWERKSKAMMER Ulm
    → 100% prüfungsfreie Anerkennung der Meisterprüfung Teil III

 

Kernziele des neuen Angebots:

 

  • Steigerung der Attraktivität der dualen Ausbildung: Gezielte Ansprache von leistungsstarken Auszubildenden mit allgemeiner oder fachgebundener Hochschulreife (Abiturienten).

 

  • Akademische Durchlässigkeit: Frühzeitiger Erwerb von hochschulnahen Kompetenzen und Vergabe von Creditpoints (30 ECTS), die vollständig auf ein späteres Bachelorstudium anrechenbar sind.
  • Flankierung der Unternehmensnachfolge: Systematische betriebswirtschaftliche Vorbereitung von potenziellen Übernehmerinnen und Übernehmern familieneigener Betriebe direkt während der Ausbildung, d.h. schon von Beginn an werden betriebswirtschaftliche Inhalte, die für die Führung eines zukünftigen Betriebs notwendig sind, vermittelt.

 

  • Effiziente Verzahnung mit der Meisterausbildung: Direkte, prüfungsfreie Anerkennung des Teils III der Meisterprüfung durch geschickte Kombination von Hochschulmodulen und schulischem Zusatzunterricht.

 

2. Zielgruppen und hohes Interesse der regionalen Wirtschaft

 

  1. Auszubildende mit Hochschulzugangsberechtigung (Abitur/Fachabitur) in technischen und gewerblichen Berufen, die frühzeitig eine Selbstständigkeit, Führungsposition oder die Übernahme des elterlichen Betriebs anstreben.
     
  2. Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher, die sich in den Schulklassen der beruflichen Schulen befinden. Diesen wird ein nahtloser Übergang ermöglicht, bei dem bereits erbrachte akademische Vorleistungen direkt nutzbar gemacht werden. D.h. bereits erworbene Creditpoints aus dem abgebrochenen Studium können zusätzlich zu den im Programm erworbenen Creditpoints auf ein mögliches nachfolgendes Studium angerechnet werden.

 

Das Feedback der regionalen Betriebe im Vorfeld der Einführung war außerordentlich positiv. Handwerks- und Industriebetriebe im Ostalbkreis beklagen seit Jahren den Verlust von Bewerbern mit Abitur an reine Theorie-Studiengänge. Mit diesem Kombinationsmodell haben Betriebe nun ein starkes Argument bei der Gewinnung von Spitzenkräften: Die Ausbildung wird mit akademischen Inhalten und einer verkürzten Meisterperspektive veredelt.

 

3. Das akademische Curriculum und die zeitliche Flexibilität

 

Das Programm umfasst insgesamt 30 ECTS-Punkte und ist modular aufgebaut. Es wird von der Graduate Campus der Hochschule Aalen organisiert und durchgeführt.

 

Dies hat den Vorteil, dass sich die Studiendauer bei einem möglichen Studium nach der Ausbildung um ein Semester verkürzt und somit ein früherer Einstieg in den Beruf möglich ist bzw. eine Entzerrung des Studiums erfolgen kann, da anstatt der üblichen 5 – 6 Module pro Semester weniger Kurse belegt werden müssen und somit auch der Prüfungsdruck reduziert wird.

 

Durch das Programm kennen die Studierenden bereits das akademische Niveau, die digitalen Lernplattformen, die Prüfungsformen und die organisatorischen Abläufe der Hochschule Aalen.

 

A. Studienaufbau und Modulstruktur

 

Das Curriculum besteht aus zwei Pflichtmodulen sowie einer Auswahl aus sechs praxisrelevanten Wahlmodulen. Pro Semester belegen die Teilnehmenden neben den Pflichtinhalten zwei bis drei Wahlmodule, um einen individuellen Schwerpunkt (z. B. Marketing, Finanzen oder Personal) zu setzen.

 

Pflichtmodule (jeweils 5 ECTS)

 

• Betriebswirtschaftslehre

• Rechnungslegung

 

Wahlmodule (jeweils 5 ECTS - Auswahl von 2 bis 3 Modulen pro Semester)

• Marketing & Vertrieb

• Cost Accounting

• Personalmanagement & -entwicklung

• Unternehmensführung

• Investition & Finanzierung

• Wirtschaftsrecht

 

B. Maximale Flexibilität und Format

 

  • Regelstudienzeit: 2 Semester. Der Zertifikatskurs ist jedoch hochgradig flexibel konzipiert (daher flexibel) und kann streckbar entlang der gesamten 3- bis 3,5-jährigen Ausbildungsdauer absolviert werden.

 

  • Leistungsnachweise: Jedes Modul wird einzeln abgeschlossen und zertifiziert. Sollte ein Auszubildender das Programm vorzeitig beenden müssen, verfallen die Leistungen nicht, sondern werden als qualifizierte Einzelzertifikate ausgewiesen.

 

  • Zeitliche Vereinbarkeit: Die Vorlesungen finden freitags und samstags statt. Um die Belastung für die Auszubildenden zu minimieren, sind die offiziellen Schulferien in Baden-Württemberg vorlesungsfrei.

 

  • Durchführung: Hybrid - wahlweise online oder in Präsenz auf dem Campus der Hochschule Aalen. Start ist jeweils zum Wintersemester.

 

4. Das Herzstück: Die Verzahnung mit der Meisterprüfung Teil III und der Techniker-
weiterbildung

 

Die größte Innovation dieses Modells liegt in der direkten Äquivalenz zu den Inhalten der Meisterprüfung Teil III (Geprüfter Fachmann für kaufmännische Betriebsführung nach der Handwerksordnung).

 

Eine detaillierte inhaltliche Abgleichung zwischen den Modulen des Zertifikatskurses und dem bundeseinheitlichen Rahmenlehrplan der Meisterprüfung Teil III ergab eine außergewöhnlich hohe theoretische Übereinstimmung von 72 %:

 

Handlungsfeld der Meisterprüfung Teil III

Relevante Stundenanteile

Inhaltliche Deckungsquote durch Hochschulmodule

Handlungsfeld I: Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen beurteilen

80 Std. (Umfang)

92 %

Handlungsfeld II: Gründungs- und Übernahmeaktivitäten vorbereiten

70 Std. (Umfang)

55 %

Handlungsfeld III: Unternehmensführungsstrategien entwickeln

70 Std. (Umfang)

69 %

Gesamt-Übereinstimmung (akademisch)

220 Std.

72 %

Der Weg zur 100%-igen Prüfungsbefreiung ohne HWK-Kammerprüfung:

 

Da die Hochschule Aalen naturgemäß rein handwerksspezifische Sonderthemen (wie z. B. das spezifische Handwerksrecht oder Handwerksorganisationen) nicht in ihren regulären BWL-Vorlesungen abbildet, wurde ein intelligenter "Lückenschluss" konzipiert.

 

Die verbleibenden 28 % der Inhalte, die primär hochspezifische rechtliche und gewerbliche Sonderregelungen betreffen, werden im Rahmen eines koordinierten Zusatzunterrichts direkt an den drei gewerblichtechnischen Berufsschulen vermittelt.

 

 

Dazu gehören folgende Themenbereiche:

 

  • Handlungsfeld I: Handwerks- und Gewerberecht (Eintragung Handwerksrolle, Schwarzarbeitsbekämpfung) sowie spezifisches Datenschutzrecht.

 

  • Handlungsfeld II: Stellung des Handwerks in der Volkswirtschaft, Handwerksorganisationen, formale Abläufe der Gründungsberatung sowie soziale Sicherungssysteme für Handwerker.

 

  • Handlungsfeld III: Beschaffungswesen, Sozialversicherungsrecht im Handwerk, erbrechtliche Besonderheiten bei der Unternehmensnachfolge sowie das formale Insolvenzrecht.

 

Das wegweisende Ergebnis:


Durch das erfolgreiche Absolvieren der Hochschulmodule einerseits und des flankierenden schulischen Zusatzunterrichts andererseits erteilt die Handwerkskammer Ulm den Absolventinnen und Absolventen die vollständige Anerkennung des Meisters Teil III – komplett prüfungsfrei. Ein separater Vorbereitungskurs und eine separate Prüfung vor der Kammer entfallen komplett.

 

Bei der Weiterbildung zum Techniker wird dies ebenfalls anerkannt, so dass während dieser Weiterbildung kein BWL mehr besucht werden muss.

 

5. Regionale Kooperationsstruktur und Netzwerk-Vorteile

 

Das Projekt führt die Stärken verschiedener regionaler Akteure in einer einzigartigen Bildungsallianz zusammen:

 

Stärken- und Aufgabenprofil der Allianzpartner:

 

  • Landratsamt Ostalbkreis
    Sicherstellung der schulischen Ressourcen und der organisatorischen Infrastruktur an den Kreisberufsschulen.

 

  • Hochschule Aalen / Graduate Campus
    Wissenschaftliche Lehre auf Hochschulniveau, ECTS-Vergabe und Bereitstellung der Online-Lernplattformen.
  • Berufliche Schulen (Aalen, Schwäbisch Gmünd, Ellwangen)
    Praxisnahe Vermittlung des Lückenschlusses und des handwerksspezifischen

Zusatzunterrichts.

 

  • Handwerkskammer Ulm
    Sicherung der rechtlichen Anerkennung und Gewährleistung der vollständigen Prüfungsbefreiung.

 

Dieses Modell fungiert als regionales Vorzeigebeispiel für die moderne Verknüpfung von beruflicher und akademischer Bildung („Duale Bildung neu gedacht“). Es schafft einen starken Anreiz für junge Menschen, in der Region Ostalbkreis zu verbleiben, und sichert den Betrieben hochqualifizierten Führungsnachwuchs für eine nachhaltige Nachfolgeplanung.

 

6. Kosten und Finanzierung

 

Die Gebührenstruktur des Zertifikatsprogramms an der Graduate Campus gestaltet sich dank umfassender Fördermittel für die Auszubildenden äußerst attraktiv:

 

  • Reguläre Kosten: ca. 1.160 € bis 1.600 € pro 5-ECTS-Modul.

 

  • ESF-Fachkursförderung (Europäischer Sozialfonds):
     
    • Auszubildende erhalten eine 45 %-ige Ermäßigung. Dadurch sinken die Kosten auf ca. 880 € pro Modul.
       
    • Die Gesamtkosten für das komplette 30-ECTS-Zertifikat belaufen sich für den Auszubildenden (oder dessen Ausbildungsbetrieb, der die Kosten in vielen Fällen übernimmt) somit auf ca. 5.280 € (statt regulär 9.600 €).
       
  • Kein finanzielles Risiko bei den Teilnehmerzahlen:
    Da die Module der Graduate Campus organisatorisch mit den regulären BWL-Studiengängen der Hochschule Aalen gekoppelt sind, ist keine Mindestteilnehmerzahl für das Zustandekommen der Kurse erforderlich. Ein Ausfallrisiko aus Wirtschaftlichkeitsgründen ist somit ausgeschlossen.

 

7. Bisherige Meilensteine und nächste Projektschritte

 

  • Dezember 2025: Abstimmungstreffen und finale Konzeptionierung zwischen dem Geschäftsbereich Bildung und Kultur und dem Programm Management der Graduate Campus. Festlegung des finalen, international anschlussfähigen Titels „Diploma of Basic Studies – Business Management“.

 

  • Frühjahr 2026: Gemeinsames Austauschtreffen aller Projektpartner zur Detailabstimmung der Lehrpläne für den schulischen Zusatzunterricht (Lückenschluss) und Koordination der Stundenpläne.

 

 

  • Schuljahr 2026/2027: Start des Programms mit Bewerbungsphase und offizieller Beginn zum Schuljahr 2027/2028.

Mit dem „Diploma of Basic Studies – Business Management“ hat der Ostalbkreis in Kooperation mit seinen Partnern ein Angebot zur Stärkung des ländlichen Raums und des Handwerks kreieren können. Die enge administrative und inhaltliche Verzahnung von Landratsamt, Hochschule, Kreisschulen und Kammer ist ein Musterbeispiel für moderne, unbürokratische Bildungsnetzwerke.


Finanzierung und Folgekosten

 

Es entstehen keine finanziellen Auswirkungen auf den Haushalt des Ostalbkreises. Die administrative Begleitung des Projekts sowie die Bereitstellung des Zusatzunterrichts im Rahmen des regulären Bildungsauftrags an den Beruflichen Schulen werden über bestehende Deputate abgedeckt. Die Studiengebühren werden vollständig privat bzw. über die ausbildenden Betriebe und die ESF-Fachkursförderung getragen.


Anlagen

 

Präsentationsunterlagen der Graduate Campus Hochschule Aalen

 

 

Sichtvermerke

 

gez. Freytag, Geschäftsbereichsleiterin

gez. Kurz, Dezernat II

gez. Dr. Bläse, Landrat 

Anlagen:  
  Nr. Name    
Anlage 1 1 Präsentationsunterlagen der Graduate Campus Hochschule Aalen (1694 KB)